Namenthema des Monats

(Beiträge auf Deutsch oder Italienisch)

Oktober 2022:

Königliche Familiennamen in der Demokratie

Königin Elisabeth II ist im vergangenen Monat verstorben. Auch wenn die Schweiz keine Monarchie hat, sind Familiennamen, die etymologisch auf ahd. kuning bzw. mhd. künic, künec ‘König’ zurückgehen, in den schweizerdeutschen Familiennamen enthalten, z. B. König und Koenig, aber auch in den weniger transparenten Namenvarianten Küng und Köng. Familiennamen, die wortgeschichtlich mit dem König zusammenhängen, waren wohl ursprünglich ein Übername für eine Person, die sich auf irgendeine Weise hervortat, z. B. als Anführer oder auch als grosstuerische Person. Denkbar sind auch bestimmte Dienst- oder Zugehörigkeitsverhältnisse.
Die mittelhochdeutschen Vokale <u> und <ü> wurden häufig zu <o> bzw. <ö> vor Nasallauten wie <n>, <m> und <ng> gesenkt, z. B. auch in Mittelhochdeutsch sunne > Neuhochdeutsch Sonne. Die Senkung lässt sich ebenfalls in den Familiennamen Köng und König beobachten, jedoch nicht im Namen Küng, in dem der mhd. Lautstand beibehalten wurde. Ferner zeugen die Familiennamen Küng und Köng von einer Tilgung des Vokals <i> im Vergleich zu den mhd. Formen, der nach Angabe des Schweizerdeutschen Idiotikons (Bd. III, 329) bereits vor dem 13. Jahrhundert verloren ging. Der Familienname König stellt die neuhochdeutsche Form dar, die etwa im 17. Jahrhundert übernommen wurde.
Die Namenkarte zeigt die Verbreitung der drei Namentypen: König, Küng und Köng. Während der Name König hauptsächlich im Westen auftritt, tauchen die Namen Küng bzw. Köng v. a. in der östlichen Schweiz auf. Der Familienname Küng kommt am häufigsten vor und zwar vom Westen der Schweiz (BE) über den nördlichen Teil (AG) und die Zentralschweiz (LU) bis in die Ostschweiz (SG, AR). Die wenig frequente Variante Köng ist als Familiennamennest im Kanton Zürich alteingesessen. Die Schreibweise Koenig mit <oe> (zusammengefasst unter König) taucht ein Mal im Thurgau auf. Bemerkenswerterweise gibt es nur drei Orte, die mehrere Varianten haben: Koenig und Küng in Frauenfeld TG, Küng und König in Schüpfen BE und Küng und Köng in Wagenhausen in TH. / jeffrey pheiff

map oktober

Die Karte zeigt das Vorkommen von Familiennamen, die auf ahd. kuning, mhd. künic, künec ‘König’ zurückgehen. Datenbasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zeitschicht a «vor 1800».

September 2022: Jaggi und Jäggi: Alles Jakob, oder was?
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Der Rufname Jakob erfreute sich im ausgehenden Mittelalter grosser Beliebtheit. Grund war die Popularität des Apostels Jakobus des Älteren, dessen Grab in Santiago de Compostela noch heute zu einem bekannten Pilgerziel gehört. Durch seine Beliebtheit als Rufname ist Jakob auch in vielfältigen Kurzformen in die Familiennamen eingegangen. Bei den vorliegenden Namen sind verschiedene lautliche Prozesse auszumachen: Bei allen Namen ist der Auslaut -ob getilgt worden und die Form Jak- wurde in der Folge mit Verkleinerungs- resp. Diminutivsuffixen erweitert. Einerseits stand ein Suffix -in zur Verfügung wie in Jäggin, andererseits das Suffix -lin, das auch heute noch für Verkleinerungen genutzt wird, wie in Jäcklin und Jecklin. Da -n im Auslaut in den Mundarten meist schwindet, resultieren daraus die Formen ohne -n: Jaggi, Jaggy, Jäggi, Jaeggi, Jaeggy, Jeggi, Jegge neben Jäckli, Jäggli, Jägli, Jeggli. Das i der Endung, das als <i>, <y> oder abgeschwächt als <e> geschrieben werden kann, löst Umlautung aus. Dieser Umlaut kann mit <ä>, <e> oder <ae> verschriftlicht werden; er konnte aber auch wieder rückgängig gemacht werden, was den Namentyp Jaggi, Jaggy zur Folge hat. Bei den Formen Jäk, Jäckh, Jäkh, Jeck wurde die Endung getilgt, der Umlaut aber blieb erhalten. Auf der Karte sind die Namen zusammengefasst, die Umlaut resp. keinen Umlaut haben. Umlautlose Formen dominieren im südlichen Kanton Bern, solche mit Umlaut im nördlichen Bern, in Solothurn, Teilen Luzerns und des Aargaus. Wie die Geschichte von Jacob weitergeht, lesen Sie dann bei Kopp und Köppel. /simone berchtold

map september

Die Karte zeigt das Vorkommen von Familiennamen, die auf den Rufnamen Jacob zurückgehen, Namen ohne Umlaut wie Jaggi und Jaggy in blau und Namen mit Umlaut in rot. Datenbasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zeitschicht a «vor 1800».

Auguscht 2022: Zum Familiennamen Schweizer
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Passend zum eerscht Auguscht widmet sich üses Namethema vom Monet em Familiename Schweizer.
De Familiename Schweizer und di monophthongisch Variante Schwyzer, Schwizer gönd – wie de Volksname au – uf di uursprünglich Bezeichnig vo de Bewohner:inne vom ehemalige Ort vo de alte Eidgenosseschaft bzw. em hütige Kanton Schwyz und em glychluutende Kantonshauptort Schwyz zrugg. Näbed de Bezeichnig Schwitzer hät parallel d Form Switer exischtiert, wo sich au als Familiename Schwitter /Schwyter (diphthongiert: Schweiter) etabliert hät.
Uf de abbildete Chaarte gseet mer einersyts di rüümlich Verbreitig vom Nametyp Schweizer (und Variante: Schweitzer, Schwyzer, Schwizer, Schwitzer), anderersyts d Verteilig vom etymoloogisch identische Typ Schwitter (und Variante: Schwyter, Schweiter). De Nametyp Schweizer erschiint hauptsächlich im Nordweschte (BL), Oschte (TG u. SG) und im Weschte (BE), vereinzelt au im Ruum Züri und Schaffhuuse. De Typ Schwitter hingege findet sich vor allem im Ruum Schwyz.
Uffallend isch, wie d Chaarte zeigt, dass d Familienäme nur i de Tütschschwyz verbreitet sind.
I de romaanische Sproochregione vo de Schwyz erschiined die Familienäme nöd. Au händ sich i de romaanischsproochige Schwyz d Bezeichnige für d Bewohner usem Kanton Schwyz (frz. Schwyz /Schwytz; ital. Svitto; rätorom. Sviz) jewils nöd im Familienameguet verfeschtigt. / martina heer

map august

D Charte zeigt, wo d Familienäme vom Typ Schweizer (karmesinroot, staalblau, olivgrüen, kobaltblau, gelb) und em Typ Schwitter (rosaroot, aquamariin, choornbluemäblau) i de Schwyz vorchömed. Daatebaasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zytschicht a «vor 1800».

Juli 2022: Ganzoni, Biveroni, Bezzola: i cognomi italianizzati dei migranti romanci 
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In alcune regioni romanciofone del canton Grigioni è attestato già a partire dal XVII secolo un particolare tipo di cognomi con tratti formali italiani ma di origine romancia: Bezzola, Biveroni, Bosio, Colani, Ganzoni e altri ancora, sono il risultato dell’italianizzazione dei cognomi romanci Betschla, Bivrun, Buos-ch, Culan o Colaun, Gianzun. La carta mostra una concentrazione del tipo cognominale in Engadina e in Val Monastero. Questa diffusione areale ha ragioni storiche legate a un’interessante forma di tradizione migratoria grigionese, quella della pasticceria a Venezia. Grazie a un’alleanza socioeconomica tra il Grigioni e la Repubblica di Venezia numerosi pasticceri grigionesi poterono esercitare la loro professione nella città lagunare tra il 1603 e il 1766. Essi emigravano con i loro cognomi romanci e tornavano in patria con i nuovi cognomi italianizzati a Venezia. Un ritorno al cognome romancio originale non ebbe luogo, presumibilmente a causa dell’alto valore economico, sociale e culturale che l’italianità dei portatori di tali cognomi recava con sé in quell'epoca. Poiché i pasticceri grigionesi erano soprattutto emigranti stagionali venivano chiamati anche randulins, in italiano ‘rondini’. Il fenomeno dell’italianizzazione dei cognomi romanci è un ottimo esempio di come i cognomi possano essere il riflesso di fatti storici. / Linda Steiner 

map juli

L’illustrazione cartografica mostra la distribuzione dei cognomi romanci italianizzati nel Grigioni romanciofono nell’epoca antecedente il 1800. I punti sul territorio ticinese rappresentano perlopiù cognomi omofoni. Fonte dei dati: Repertorio dei nomi di famiglia svizzeri. Carta creata per gentile concessione di Martin Graf, Simone Berchtold e Dieter Studer. Fonte della mappa di base: Atlante mondiale svizzero © EDK, 2018

Juni 2022: Wyss oder Weiss? Wenn der Dialekt mit dem Standard ringt, Teil I
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Ein Kennzeichen alemannischer Dialekte ist, dass sie den mittelhochdeutschen langen Vokal i in den Mundarten erhalten haben. Das betrifft Wörter wie Giige ‘Geige’, schriibe ‘schreiben’, wiiss ‘weiss’ usw. Dieser Laut findet sich auch in den Familiennamen Giger, Gyger, Schriber, Schryber, Wyss und Wiss, die etymologisch zu den genannten Wörtern gehören. Die Schreibweise mit <i> oder <y> reflektiert die mundartliche Lautung. Nun gibt es aber zu diesen Familiennamen auch folgende «Partner»: Geiger, Schreiber, Weiss. Diese Namen zeigen eine Schreibung, die keine Grundlage in der Mundart hat, sondern die Standardsprache reflektiert. Warum nun eine Schreibung aufgenommen wird, die in der Aussprache keine Entsprechung hat, kann so erklärt werden: In der frühen Neuzeit verändern sich die Schreibgewohnheiten in den städtischen Schreibstuben und Kanzleien. Ab dem 16. Jahrhundert wurde die Schreibung des lang i als <i, y> durch <ei, ey> ersetzt, aber – wie wir an den Namen Giger, Schryber, Wyss usw. sehen – wurde die Schreibung der Namen nicht überall von diesem Wandel erfasst. Die Karte zeigt ein häufigeres Auftreten der <ei>-Schreibung in den nördlichen Kantonen Basel, Basel Land, Zürich, Thurgau, Appenzell Inner- und Ausserrhoden, St. Gallen, während sonst die mundartnahe Schreibung vorherrscht. / simone berchtold

Die Karte zeigt das Vorkommen von Familiennamen mit <i>-<y>-Schreibung in grün und ihren Pendants mit <ei>-Schreibung in blau. Datenbasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zeitschicht a «vor 1800». Erstellt mit freundlicher Genehmigung von Martin Graf, Simone Berchtold und Dieter Studer. Quelle der Grundkarte: Schweizer Weltatlas © EDK, 2018.

Mai 2022: von
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In der Schweiz sind Familiennamen mit einer Präposition wie z. B. an, auf, in, zu typische Bildungen. Dabei sind u. a. Namen mit der Präposition von weit verbreitet. Die Namen können mit verschmolzener oder freistehender Präposition geschrieben werden, z. B. Vonlanthen, Vonrüti, Vontobel bzw. von Allmen, von Rickenbach, von Wattenwyl. Betont werden diese Namen auf der Präposition. Im Gegensatz zu Familiennamen in Deutschland, wo Präpositionen (mit einem Artikel) meist nur in Adelsnamen vorkommen, z. B. von Gültingen und von Bülow, weisen solche Namen in der Schweiz nicht zwingend auf einen adeligen Ursprung hin. Diese Namen sind in der Schweiz sprachgeschichtliche Relikte: In mittelalterlichen Quellen treten sog. Herkunfts- und Wohnstättennamen oft mit Präpositionen auf, die jedoch später oftmals geschwunden sind. Neben der Schweiz sind solche Namentypen v. a. am Niederrhein und in den Niederlanden erhalten geblieben. Die Karte zeigt, dass Familiennamen mit der freistehenden Präposition von in weiten Teilen der deutschsprachigen Schweiz verbreitet sind. Dabei finden sich Häufungen im Kanton Solothurn und in der Innerschweiz. /jeffrey pheiff

Die Karte zeigt das Vorkommen von Familiennamen mit der freistehenden Präposition von. Datenbasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zeitschicht a «vor 1800». Erstellt mit freundlicher Genehmigung von Martin Graf, Simone Berchtold und Dieter Studer. Quelle der Grundkarte: Schweizer Weltatlas © EDK, 2018.

April 2022: Schaffert, Gantert, Walthert – Wenn öppert plötzlich ein -t angehängt bekommt.
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In der Schweiz gibt es viele Familiennamen auf -ert: Zum Beispiel Bossert, Megert, Purtschert, Seifert. In den meisten davon hat das auslautende -t eine etymologische «Berechtigung»: Bossert aus Bosshard, Megert aus Maganhard, Purtschert aus Burkhard und Seifert aus Siegfried... Bei einigen Namen hat sich das -t aber erst nachträglich im Lauf der Geschichte eingeschlichen. Diese Deutung ist wahrscheinlich etwa bei Grütert (zu Grüter, Wohnstättenname zu G(e)rüte ‘Rodung’), Schaffert (zu Schaffer) oder Walthert (zu Walther). Warum ein --t angehängt wurde, ist nicht immer klar. Mehrere Gründe kommen in Frage, so etwa die unbewusste Anlehnung an die vielen -ert-Namen aus -hard oder ein allgemeiner Bedarf zur Wortrandverstärkung. Ähnliches lässt sich beobachten, wenn aus dem Wörtchen öpper (aus et-wer ‘jemand’) in der Ostschweiz öppert wird. Die Familiennamen mit sekundär angehängtem -t finden sich aber im gesamten Mittelland, der Nordwestschweiz und vereinzelt in Graubünden. /luise kempf

Die Karte zeigt eine vorläufige Auswahl von -ert-Namen mit sekundärem t-Antritt. Datenbasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zeitschicht a «vor 1800». Erstellt mit freundlicher Genehmigung von Martin Graf, Simone Berchtold und Dieter Studer. Quelle der Grundkarte: Schweizer Weltatlas © EDK, 2018.