Namenthema des Monats

Juni 2022:

Wyss oder Weiss? Wenn der Dialekt mit dem Standard ringt, Teil I

Ein Kennzeichen alemannischer Dialekte ist, dass sie den mittelhochdeutschen langen Vokal i in den Mundarten erhalten haben. Das betrifft Wörter wie Giige ‘Geige’, schriibe ‘schreiben’, wiiss ‘weiss’ usw. Dieser Laut findet sich auch in den Familiennamen Giger, Gyger, Schriber, Schryber, Wyss und Wiss, die etymologisch zu den genannten Wörtern gehören. Die Schreibweise mit <i> oder <y> reflektiert die mundartliche Lautung. Nun gibt es aber zu diesen Familiennamen auch folgende «Partner»: Geiger, Schreiber, Weiss. Diese Namen zeigen eine Schreibung, die keine Grundlage in der Mundart hat, sondern die Standardsprache reflektiert. Warum nun eine Schreibung aufgenommen wird, die in der Aussprache keine Entsprechung hat, kann so erklärt werden: In der frühen Neuzeit verändern sich die Schreibgewohnheiten in den städtischen Schreibstuben und Kanzleien. Ab dem 16. Jahrhundert wurde die Schreibung des lang i als <i, y> durch <ei, ey> ersetzt, aber – wie wir an den Namen Giger, Schryber, Wyss usw. sehen – wurde die Schreibung der Namen nicht überall von diesem Wandel erfasst. Die Karte zeigt ein häufigeres Auftreten der <ei>-Schreibung in den nördlichen Kantonen Basel, Basel Land, Zürich, Thurgau, Appenzell Inner- und Ausserrhoden, St. Gallen, während sonst die mundartnahe Schreibung vorherrscht. / simone berchtold

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Die Karte zeigt das Vorkommen von Familiennamen mit <i>-<y>-Schreibung in grün und ihren Pendants mit <ei>-Schreibung in blau. Datenbasis: Familiennamenbuch der Schweiz, Zeitschicht a «vor 1800». Erstellt mit freundlicher Genehmigung von Martin Graf, Simone Berchtold und Dieter Studer. Quelle der Grundkarte: Schweizer Weltatlas © EDK, 2018.